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Berlin. Rund 300 Verkehrsexperten, Vertreter von Ländern, Kommunen, Institutionen, Wissenschaft und Unternehmen aus ganz Deutschland kamen am 14. April zur dritten Nationalen Verkehrssicherheitskonferenz nach Berlin. Unter ihnen auch der erste und der zweite Vorsitzende des Bundesverbandes der Motorradfahrer, Michael Lenzen und Olaf Biethan.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder begrüßte die Gäste zu der Veranstaltung, die unter dem Motto „830.000 Kilometer Verantwortung – Gemeinsam für sichere Straßen“ stand und wies daraufhin, wie wichtig die Verkehrssicherarbeit sei, und welchen Beitrag etwa die verpflichtende Einführung des Gurtes vor 50 Jahren geleistet habe. Die Zahl der Verkehrstoten sei seit dieser Zeit deutlich reduziert worden, dennoch sei jedes Unfallopfer eines zu viel. Das Ziel der Vision Zero, als von Null Unfalltoten auf Deutschlands Straßen sei ein sehr ehrgeiziges, das auch nur im Zusammenspiel aller beteiligten Kräfte erreicht werden könne. Der Handlungsbedarf sei hoch und es gebe, insbesondere bei der Verkehrsinfrastruktur auch einen großen Nachholbedarf. Der Bund werde bei seiner Arbeit vor allem den Fokus auf die Landstraßen richten, denn dort bestünden hohe Unfallrisiken. Mehr als die Hälfte aller tödlichen Unfälle ereignen sich auf Landstraßen. So große Sprünge, wie sie die Anschnallpflicht gebracht habe, werde es angesichts des niedrigen Niveaus nicht mehr geben, sondern kleine Schritte. Neben den Landstraßen stünden auch der Fuß- und Radverkehr sowie Senioren im Fokus der Präventionsarbeit. Man müsse mehr Flexibilität für die Bundesländer prüfen, Präventionsmaßnahmen wie den Anprallschutz an Bäumen und maßgeschneiderte Lösungen vor Ort ermöglichen. Die Prävention solle durch Informieren und Sensibilisieren erfolgen.

Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder begrüßte die Teilnehmer und wies auf die Bedeutung der Verkehrssicherheitsarbeit hin. Foto: Lenzen
Und der Minister sprach noch ein Thema an, das aktuell intensiv diskutiert wird: Die Führerscheinkosten, die in Deutschland sehr hoch seien. Im Durchschnitt lägen die Kosten für den Erwerb der Klasse B bei 3400 Euro. Es sei klar, dass die Qualität der Ausbildung bei allem Bemühen und einen preiswerteren Führerschein nicht leiden dürfe, und der Bund habe mit keinem Wort die Fahrschulen kritisiert, sondern die geplanten Reformen dienten vor allem dem Bürokratie-Abbau. Er verwies auf die Rahmenbedingungen der EU, über die Deutschland weit hinausgehen.
Mirjam Stegherr moderierte das Programm, zu dem auch ein online eingespieltes Grußwort von Ute Bonde, Senatorin für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt des Landes Berlin gehörte. Sie zeigte auf, wie das Land Berlin in Sachen Verkehrssicherheit aufgestellt ist.
Götz Ulrich, Vizepräsident des Deutschen Landkreistages warb in einem engagierten Beitrag für mehr Verantwortung und Kompetenzen in den Kommunen, denn rund 83 Prozent der Landstraßen befänden sich in kommunaler Zuständigkeit. Die kompetenten Träger fänden in Eigenverantwortung die besseren Lösungen, ist er überzeugt. Er forderte auch, die Vision Zero rechtlich zu verankern. Zudem solle es den Kommunen ermöglicht werden, präventiv tätig zu werden und Strecken zu entschärfen, bevor sie zu einem Unfallschwerpunkt würden. Aktuell könne erst gehandelt werden, wenn es schon zu Unfällen mit entsprechenden Folgen gekommen sei. Das aber könne ja nicht wirklich gewollt sein.
In vier Foren beschäftigen sich die Experten anschließend mit den Themen:
Mehr Sicherheit auf Landstraßen – Praxislösungen im Fokus
Perspektivwechsel – Sichere Wege für alle
Zielkonflikte und Flächenkonkurrenz – Der Weg zum Kompromiss
Wissen das wirkt – Zukunftsfähige Weiterbildung in der Verkehrssicherheitsarbeit.
Die beiden Vertreter des BVDM hatten sich für das Forum 1 entschieden, da es dort auch um Maßnahmen zur Erhöhung der Motorradsicherheit ging. Als Fachleute hielten Volker Spahn von der Landesbaudirektion Bayern, Janine Kübler von der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen sowie Ralf Berger vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr Sachsen einen Vortrag. Für Motorradfahrer interessant waren vor allem die Ausführungen von Dr. Ing. Spahn, der verschiedene in der Praxis erprobte Maßnahmen zur Sicherheit von Motorradfahrern vorstellte. Bayern habe auf zahlreichen Unfallstrecken auf Anregung der Unfallkommissionen Maßnahmen umgesetzt, angefangen von Unterfahrschutz mit oberem Aufprallschutz, der sich allerdings als überflüssig erwiesen habe, da es ein Unfallgeschehen, bei dem ein Motorradfahrer von oben auf eine Leitplanke pralle, so gut wie gar nicht gegeben habe, bis hin Rüttelstreifen, doppelten Mittellinie mit Bischofsmützen, gelb markierte Warntafeln und vor allem flexible Poller und flexible Kurvenleittafeln, von denen bereits sehr viele in scharfen Kurven installiert worden seien. Er wies daraufhin, dass dies alles Maßnahmen seien, die in der MVMot, der Richtlinie für motorradgerechten Straßenbau, aufgeführt seien. Die Maßnahmen hätten sich bezahlt gemacht, denn es habe deutlich weniger Unfälle und damit einen geringeren volkswirtschaftlichen Schaden gegeben. Spahn sagte aber auch, dass nicht präventiv, sondern nur bei unfallträchtigen Strecken gehandelt werde.
Die anderen Vorträge, die ebenfalls interessant waren und zum Beispiel Forschungen zum Anprallschutz an Bäumen thematisierten, hier darzustellen, würde den Rahmen sprengen. Die Vorträge werden sicher vom Verkehrsministerium zugänglich gemacht werden und wir würden dann einen entsprechenden Hinweis auf unserer Homepage bringen.

Auf dem Podium diskutierten Experten, ob und wie die Kommunikation zwischen Fahrzeugen Unfälle verhindern kann. Foto: Lenzen
BVDM-Vorsitzender Lenzen machte deutlich, dass in der Diskussion einige entscheidende Aspekte noch nicht genannt seien: Zum einen um die Bereitstellung der nötigen Mittel, es gehe darum Menschenleben zu schützen und das dürfe nicht in Geld gegengerechnet werden, und zum anderen um die teilweise fehlende Kompetenz in und die unterschiedlichen Zuständigkeiten der Behörden.
Zum Programm gehörten auch zahlreiche Aussteller, die verschiedensten Aspekte der Verkehrssicherheitsarbeit thematisierten. Mit dabei war auch die vor drei Jahren gegründete Initiative #mehrAchung, bei der der BVDM ebenso Mitglied ist wie der NRW-Initiative #mehrSicherheitimStraßenverkehr, bei der der BVDM ebenfalls Gründungsmitglied ist.
Die Vernetzung von Fahrzeugen stand im Mittelpunkt des Abschlussplenums. Nach kurzen Impulsvorträgen stellten Prof. Dr. Markus Oeser, Präsident der Bundesanstalt für Straßen und Verkehrswesen, Susanne Schulz von der Autobahn GmbH, Christian Cosyns von der Coalition for Cyclist Safety und Prof. Dr. Rodolfo Schöneburg, Vorsitzender des VDI-Expertengremiums „Berliner Erklärung zur Fahrzeugsicherheit“ den Fragen von Moderatorin Stegherr. Sie zeigten auf, wie weit die Vernetzung der Fahrzeuge ist und wie die Entwicklung und die Standards aussehen. V2X lautet das Stichwort (Vehicle to X also allen anderen Verkehrsteilnehmer). Die Technik des Autos kommuniziert mit allen anderen Verkehrsteilnehmern, dazu sollten auch Fußgänger gehören, so die Teilnehmer.
Das Schlusswort sprach Christian Hirte, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Er dankte den anwesenden Experten für ihre Arbeit im Sinne der Verkehrssicherheit, machte aber auch deutlich, dass weitere Anstrengungen unternommen werden müssen, und eine weitere Vernetzung erforderlich ist, um dem Ziel von Null Verkehrstoten weiter näher zu kommen.
Wie wichtig die Vernetzung und der Austausch sind, das machten auch Kirsten Lühmann, Präsidentin der Deutschen Verkehrswacht und Manfred Wirsch, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates in der Abschlussdiskussion deutlich. Im Anschluss hatten die Teilnehmer dann in gemütlichem Rahmen ausgiebig Gelegenheit zum Netzwerken.
Wir haben neue Kontakte geknüpft und bestehende gepflegt, die Meinung des BVDM dargestellt, klassische Netzwerkarbeit eben. Gerade die ist wichtig, um die Motorradthemen voranzubringen. Was bei der Nationalen Verkehrssicherheitskonferenz erneut sehr deutlich geworden ist: Es gibt sehr viel Kompetenz, sehr viel Engagement, sehr viele gute Ideen, aber zu viele Zuständigkeiten, zu viele und zu lange Entscheidungswege und es fehlt in meinen Augen eine Stelle, an der das gesamte Wissen rund um die Verkehrssicherheit gesammelt und zugänglich gemacht wird. Wenn wir der Vision Zero weiter ein Stück näherkommen wollen, dann geht das nicht ohne die nötigen Finanzmittel und geänderte Strukturen. Und bei allen richtigen und wichtigen Maßnahmen zur Prävention darf auch die Repression nicht vergessen werden. Denn wenn gravierende Verstöße nicht geahndet werden und Menschen, die vorsätzlich die im Straßenverkehr geltenden Regeln missachten, nicht zur Rechenschaft gezogen werden, dann werden die Auswüchse und die Probleme weiter zunehmen. Aber das ist ein anderes Thema.